Wissenstransfer, Corona und Innovation

In dieser Folge von SpacEconomics nehmen Björn Braunschweig vom Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Patrick Werner von der Wirtschaftsförderung Jena die gemeinsam durchgeführte Corona-Unternehmensbefragung zum Anlass, um darüber zu sprechen,

  • warum der Blick für Innovationen und Neuerungen nie verloren gehen sollte,
  • warum Bier, Wein und Kaffee Messen und Konferenzen so besonders machen,
  • wie einzelne Branchen mit fehlenden Messen und Konferenzen umgegangen sind,
  • wie wichtig Wissen und Wissenstransfer für Unternehmen sind,
  • was für verzögerte Effekte Corona noch mit sich bringen wird,
  • warum sich Kommunikation nur begrenzt digitalisieren lässt und
  • warum wir auch jetzt den Blick auf langfristige Herausforderungen lenken sollten.

Fragen, Kommentare, Anregungen und Themenwünsche gern in die Kommentarbox schreiben.

Disclaimer: Auch wenn die Folge bereits am 16.06.2020 aufgenommen wurde,
haben die besprochenen Themen nichts von ihrer Aktualität verloren.

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The Long Read

JenaWirtschaft und der Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie hatten in Jena rd. 400 und in anderen Regionen Thüringens weitere 550 Unternehmen zum Umgang mit der Corona-Pandemie befragt. Die Ergebnisse der Befragung dienen in dieser Folge von SpacEconomics jedoch vor allem als Brennglas, um über jetzige und zukünftige Herausforderungen des Standorts Jena und verschiedener Branchen im Allgemeinen zu diskutieren. Somit geht es nicht nur darum, den Beginn und Verlauf der Krise exemplarisch nachzuzeichnen, sondern vielmehr darum, die relevanten Themen Wissenstransfer, Kommunikation, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, stationärer Einzelhandel und den Wirtschaftsstandort Jena im Allgemeinen zu besprechen.

„Das Tagesgeschäft, wie wir es bis dato kannten, war von einem Tag auf den anderen weg.
Themen wie Bestandskundenpflege und Neukundenakquise standen auf einmal nicht mehr auf der Tagesordnung. Stattdessen ging es um die Beratung zum Umgang mit der Krise.“ – Patrick Werner

JenaWirtschaft hat den Beginn der Krise dabei genauso stark miterleben müssen, wie andere Unternehmen auch. Schwierigkeiten durch die Einführung von Home-Office, die Arbeit in verschiedenen Teams, um einen Totalausfall zu vermeiden, fehlende Kinderbetreuung für die MitarbeiterInnen und die Regelung der Kommunikation trafen dabei auf beständig zunehmende Unternehmensanfragen und Unterstützungsleistungen für die UnternehmerInnen. „Wir hatten vor allem am Anfang pro Tag 50 bis 60 Anfragen von Unternehmen, die praktische Hilfe brauchten, um einen Umgang mit der Krise zu finden. Das reichte von Beratungen über die möglichen staatlichen Hilfeleistungen bis hin zu Anfragen, ob wir unterstützend tätig werden können, um die Betreuung von Kindern aus dem Umland in einer Jenaer KiTa zu sichern. Dabei wurde für uns – schon vor Abschluss der Befragung – sehr deutlich, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie über alle Branchen hinweg eine Herausforderung darstellt. Dabei war das ein Problem unabhängig davon, ob ich im Home-Office arbeiten kann oder in der Produktion tätig bin.“

„Wenn ich in einem Zoom-Meeting bin, dann bin ich deutlich vorsichtiger mit dem was ich sage,
als wenn ich in einer unverfänglichen Situation auf einer Messe vielleicht am Messestand
bei einem Kaffee beieinander bin.“ – Patrick Werner

Doch neben unternehmensinternen Schwierigkeiten stellte für Unternehmen vor allem die Kommunikation über geographische Distanzen eine Herausforderung dar. „Jena ist geprägt von der High-Tech-Branche im verarbeitenden Gewerbe. Präzisionsfertigung und Photonik sind da nur zwei Beispiele. Für diese Branchen sind wichtige Leitmessen weggefallen und fast 70 % gaben an, dass dadurch ihre Geschäftstätigkeit eingeschränkt ist.“, erklärt Björn Braunschweig. Patrick Werner hatte sich auch in seiner Zeit am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie in seiner Forschung mit Wissenstransfer in und zwischen Unternehmen beschäftigt. Er ergänzt entsprechend: „Das ist aber auch nicht weiter verwunderlich. Immerhin hat sich gezeigt, dass wir noch so viel digitalisieren können, aber die echte face-to-face-Kommunikation kann ich nicht ersetzen. Wenn ich in einem Zoom-Meeting bin, dann bin ich deutlich vorsichtiger mit dem was ich sage, als wenn ich in einer unverfänglichen Situation auf einer Messe vielleicht am Messestand bei einem Kaffee beieinander bin.“

„In Jena spielt aber auch das Gastgewerbe eine große Rolle. Und zwar nicht, weil wir wie das hippe Berlin sind,
sondern weil wir Konferenz- und Wissenschaftsstandort sind. Und 50 % des Umsatzes des Gastgewerbes in Jena
kommt aus diesem Markt, werden also durch Geschäftsreisende verursacht.“ – Patrick Werner

Doch fehlende Messen und Konferenzen treffen nicht nur diejenigen, die sich dort eigentlich austauschen wollten.  „In Jena spielt aber auch das Gastgewerbe eine große Rolle. Und zwar nicht, weil wir wie das hippe Berlin sind, sondern weil wir Konferenz- und Wissenschaftsstandort sind. Immerhin 50 % des Umsatzes des Gastgewerbes in Jena kommt aus diesem Markt, werden also durch Geschäftsreisende verursacht.“, erläutert Patrick Werner. Diese weichen Standortfaktoren galt es im Laufe der Krise und nach dem Lockdown zu stützen. „Als Unternehmen achte ich ja nicht nur darauf, was für eine Wirtschaftsstruktur ich am Standort habe, um gegebenenfalls von Kooperationen und local buzz profitieren zu können, sondern auch wie attraktiv der Standort für ArbeitnehmerInnen ist. Immerhin es nicht nur ein Wettbewerb zwischen Unternehmen um die Fachkräfte, weswegen es dann auch darum geht, die weichen Standortfaktoren zu schützen.“, ergänzt Björn Braunschweig.

„Bei der Befragung im Mai wurde auch gesagt: Ich profitiere momentan noch von abgeschlossenen
Verträgen von vor der Pandemie. In drei bis fünf Monaten sieht das aber anders aus.
Da dürften also noch verzögerte Effekte auf uns zukommen.“ – Björn Braunschweig

Die in der Befragung festgestellten Einbußen scheinen dabei jedoch bisher nur die Spitze des Eisbergs zu sein: „Bei der Befragung im Mai wurde auch gesagt: Ich profitiere momentan noch von abgeschlossenen Verträgen von vor der Pandemie. In drei bis fünf Monaten sieht das aber anders aus. Da dürften also noch verzögerte Effekte auf uns zukommen.“, erklärt Björn Braunschweig. „Wobei Jena natürlich mit der High-Tech-Branche nach wie vor sehr gut aufgestellt ist,“ erwidert Patrick Werner. „Photonik, Präzisionstechnik, Informations- und Kommunikationsbranche sowie prinzipiell wissensintensive Dienstleistungen sind noch am ehesten mit einem dunkelblauen Auge davongekommen.“  Nichtsdestoweniger ist es eine Herausforderung, aufgrund der derzeitigen Entwicklungen, die langfristigen Themen nicht aus dem Auge zu verlieren.

„Ein Risiko ist, dass wir die langfristigen Themen durch die momentanen Diskussionen aus den Augen verlieren.
In unserer Studie zum Fachkräftemangel vom letzten Jahr, die wir mit dem ZSH durchgeführt haben, wurde deutlich:
Selbst wenn wir als Standort nicht wachsen sollten, reicht das Potenzial an Arbeitskräften aus dem Umland nicht.
Und die Themen Fachkräfte und Internationalisierung aus dem Auge zu verlieren,
könnte für den Standort verheerende Folgen haben.“ – Patrick Werner

Denn der Fachkräftemangel und die Notwendigkeit als Standort für Zuzug von außen attraktiv zu sein, sind auch mit den erfolgten Entlassungen nicht ausgeglichen. „In unserer Studie zum Fachkräftemangel vom letzten Jahr, die wir mit dem ZSH durchgeführt haben, wurde deutlich: Selbst wenn wir als Standort nicht wachsen sollten, reicht das Potenzial an Arbeitskräften aus dem Umland nicht. Und die Themen Fachkräfte und Internationalisierung aus dem Auge zu verlieren, könnte für den Standort verheerende Folgen haben.“, ergänzt Patrick Werner. Das begründet er unter anderem damit, dass die Stadt den Großteil ihrer Einnahmen aus der Gewerbesteuer generiert. Wenn diese durch Wegzug von Firmen aufgrund unzureichender Fachkräfteversorgung sinkt, hat das Folgen auf die gesamte Infrastruktur und damit auch die gesamte Bevölkerung. Dabei ist es vor allem die Innovationskraft der Jenaer Unternehmen, die den Wirtschaftsstandort auch in der Vergangenheit groß gemacht hat.

„Ich muss mich beständig neu orientieren, weil ich ansonsten als Unternehmen schnell in eingefahrene Bahnen komme und wenn ich nicht aufpasse in einen Lock-In. Und der Lock-In führt dann schnell zum Tod.“ – Patrick Werner

So ist neben dem Erfolgsfaktor Kommunikation die Innovation – sei es in Vertriebswegen, internen Abläufen oder direkt bei Produkten/Dienstleistungen – für die Unternehmen und Betriebe überlebenswichtig: „Ich muss mich beständig neu orientieren, weil ich ansonsten als Unternehmen schnell in eingefahrene Bahnen komme und wenn ich nicht aufpasse in einen Lock-In. Und der Lock-In führt dann schnell zum Tod.“, erklärt Patrick Werner. Dabei haben die Unternehmen in der Krise die Zeit vor allem aufgrund des hohen Zeitaufwands für die Bewältigung der Krisenfolgen nur bedingt heben können. Für den stationären Einzelhandel ist dabei das Thema Digitalisierung nach wie vor eine Herausforderung. „Es geht ja auch nicht unbedingt darum, in die Konkurrenz mit den großen Versandhändlern zu treten. Aber Multi-Channeling über verschiedene soziale Plattformen, um Menschen auf mich aufmerksam zu machen, kann auch zu einer nachhaltigen Kundenbindung führen.“, ergänzt Björn Braunschweig. Dabei ist die Volatilität der Online-Plattformen nicht nur ein Nachteil, da sich dadurch auch die Chance ergibt, bei neuaufkommenden Plattformen auch zu einem späteren Zeitpunkt den Aufsprung zu schaffen. „Was sich gezeigt hat, ist dass es beständig Veränderungen gibt. Genau das als Chance zu begreifen und mich als Unternehmen auszuprobieren, gilt es auch nach der Krise zu fördern. Denn schlussendlich geht es immer irgendwie darum, zu schauen, dass man den Sinn für Neuerungen und Innovationen einfach nicht verliert.“, erläutert Patrick Werner.

„Denn schlussendlich geht es immer irgendwie darum, zu schauen,
dass man den Sinn für Neuerungen und Innovationen einfach nicht verliert.“ – Patrick Werner

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