Promotion am Graduiertenkolleg – Gelebte Interdisziplinarität


In dieser Folge von SpacEconomics sprechen Susann Schäfer, Phuong Nam Nguyen und Björn Braunschweig über das Promovieren und darüber…

  • was Graduiertenkollegs sind,
  • was eine Promotion an einem Graduiertenkolleg auszeichnet,
  • für wen ein Graduiertenkolleg eigentlich geeignet ist,
  • inwiefern Graduiertenkollegs auf Forschung und Wissenschaft vorbereiten,
  • worin die Unterschiede zu einer Promotion über eine Haushaltsstelle an der Uni liegen und
  • welche Vorteile und Herausforderungen mit einem strukturierten Promotionsprogramm einhergehen.

Fragen, Kommentare, Anregungen und Themenwünsche gern unten in die Kommentarbox schreiben.

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The Long Read

Für eine wissenschaftliche Karriere scheint ein Doktortitel fast obligatorisch zu sein. Ablauf, Organisation und Finanzierung einer Promotion können dabei sehr unterschiedlich sein: „Ich wurde am Ende meines Studiums gefragt, ob ich promovieren möchte“ erzählt Susan Schäfer, die 2014 ihre Promotion an der Universität Bayreuth im Rahmen des DFG Graduiertenkollegs TERRECO abschloss. „Damals hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder hätte ich eine Haushaltsstelle am Lehrstuhl annehmen oder an einem Graduiertenkolleg promovieren können. Ich entschied mich für das Graduiertenkolleg, da es aufgrund des Länderschwerpunkts Südkorea für mich besonders interessant war.“

Ein Graduiertenkolleg ist ein strukturiertes Promotionsprogramm, in dem Promovierende und erfahrene WissenschaftlerInnen zu Aspekten eines übergeordneten Themas gemeinsam forschen. Dabei gibt das Kolleg nicht nur eine thematische Struktur, sondern auch eine gewisse Ausbildung.

„Forschung lebt vom Austausch. An einem Graduiertenkolleg kommen verschiedene Fachbereiche zusammen – der Geist der Interdisziplinarität wird gelebt und das ist wunderschön.“
– Phuong Nam Nguyen

Phuong Nam Nguyen begann im August 2020 seine Promotion am „Schumpeter-Zentrum zur Erforschung des sozialen und ökonomischen Wandels (JSEC) der Universität Jena ergänzt: „Die Forschung ist natürlich der Schwerpunkt meiner Arbeit, auch am Graduiertenkolleg. Daneben gibt es aber auch ein sehr großes Angebot an Weiterbildungs- und Austauschveranstaltungen. Teilweise sind diese freiwillig, teilweise aber auch verpflichtend. Man kann sich das eigentlich wie in der Uni vorstellen, wo man Veranstaltungen besucht und dabei Credit Points sammelt.“ Dies sei vielleicht der größte Unterschied zu einer Promotion außerhalb eines Graduiertenkollegs. Hat man eine Haushaltsstelle an der Uni, wird man auch direkt von der Uni bezahlt. Damit gehen dann noch weitere Aufgaben einher, beispielsweise in der Lehre oder auch in der Verwaltung. „Solche Aufgaben verlangen Kompetenzen, die über reines fachlichen Expertenwissen, das man sich während einer Promotion aneignet, hinausgehen. Man wächst in diese Aufgaben aber auch hinein, wie so oft heißt es dann: learning by doing“ führt Susann Schäfer aus.

Doch auch wenn man an einem Graduiertenkolleg promoviert, ist es nicht ausgeschlossen, zusätzlich an einem Lehrstuhl an der Universität Aufgaben zu übernehmen. Auf der anderen Seite bietet auch die Universität ihren Promovierenden Weiterbildungsmöglichkeiten in Form von Fortbildungen und Schulungen.

„Eine klare binäre Unterscheidung zwischen der Promotion an einem Graduiertenkolleg oder direkt an der Universität ist nicht möglich. Die Grenzen sind da fließend.“  
Phuong Nam Nguyen

Graduiertenkollegs bringen viele Vorteile mit sich, aber auch einige Herausforderungen. „Eine Promotion an einem Graduiertenkolleg kann beispielsweise damit verbunden sein, dass man Kurse zu Themen belegen muss, die gar nichts mit der eigenen Forschung nichts zu tun haben. Ich musste damals viele naturwissenschaftliche Veranstaltungen besuchen, die mich nicht wirklich interessiert haben. Das war durchaus anstrengend für mich“ erzählt Susann Schäfer. „Es gibt eine Reihe von Erkenntnistheoretischen Spannungen zwischen natur- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Wenn man diese nicht offen bespricht, kann es immer wieder zu Konflikten kommen. Das ist eine große Herausforderung, nicht nur in Graduiertenkollegs, sondern in interdisziplinärer Forschung allgemein.“

„Die Konfrontation mit anderen Wissenschaftskulturen war für mich langfristig sehr positiv. Das Arbeiten in interdisziplinären Projekten fällt mir auch heute noch leicht, weil ich immer das Gemeinsame suche.“
– Susann Schäfer

Auch Phuong Nam Nguyen erlebt den regen Austausch im Netzwerk des Graduiertenkollegs: „Ich war als Student auf verschiedenen Konferenzen und es ist mir sehr schwergefallen, zu netzwerken, denn ich bin recht schüchtern. Innerhalb der Struktur des Graduiertenkollegs fällt mir das deutlich leichter. Man bekommt viele Anregungen, sich kritisch reflektieren“

Ein Graduiertenprogramm bringt neben fachlichen und finanziellen Vorteilen auch eine klare Struktur mit sich. „Dies kann erstmal abschreckend wirken“ wendet Susann Schäfer ein. „Durch die Struktur eines Graduiertenkollegs ist mehr oder weniger festgelegt, welche Phasen man in der Promotion wann durchläuft und wann man fertig sein muss.“ Manchmal spiele das Leben aber anders und die fehlende Flexibilität mache es manchmal nicht leicht, mit Zweifeln oder privaten Schwierigkeiten umzugehen.  „Gerade diese Struktur bietet aber auch die Möglichkeit, beispielsweise Promotion und Familie zu vereinbaren. Es gibt einem eine gewisse Sicherheit, auch finanziell.“

Möchte man promovieren, lohnt es sich, dieses Interesse recht früh gegenüber Lehrpersonen zu kommunizieren und rechtzeitig die Augen offenzuhalten. Phuong Nam Nguyen betont: „Der Zufall ist auch ein wichtiger Punkt. Gerade für GeographInnen, die ja in der Regel auch vielseitig interessiert sind, sind vielleicht auch Programme interessant, die eigentlich primär an andere Disziplinen gerichtet sind.“ Björn Braunschweig gibt den Hinweis, im Zweifelsfall nach dem Thema zu gehen.  Manchmal könne es sogar eine gute Entscheidung sein, die Fachrichtung zu wechseln. Außerdem seien Netzwerke sehr wichtig.  Schon bevor man in den Wissenschaftsbetrieb aktiv einsteige, könne man Fuß fassen und über Kontakte genau die richtige Stelle finden.

„Graduiertenkollegs sind so vielfältig wie die Themen, die sie behandeln. Gleichzeitig geben sie eine gewisse Struktur vor und ermöglichen Forschung mit guter finanzieller Ausstattung. Daher können Graduiertenkollegs ein sehr guter Anhaltspunkt sein, wenn man auf der Suche nach einer Promotionsstelle ist.“
– Björn Braunschweig

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