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Studium und Lehre in Zeiten von Corona

In diesem Special-Issue von SpacEconomics sprechen Anika Zorn, Susann Schäfer, Marcel J. Paul und und Björn Braunschweig aus ihrem jeweiligen Home-Office heraus darüber

  • wie sich Lehre und Studium in diesem digitalen Semester entwickelt haben,
  • warum aufgezeichnete Vorlesungen viel kürzer ausfallen,
  • ob Fernstudium und Präsenzlehre in Konkurrenz oder Ergänzung stehen,
  • wieso Kommunikation sich nur bedingt digitalisieren lässt,
  • welche Unterstützungsangebote für StudentInnen erfolgreich waren,
  • warum Menschen in Online-Veranstaltungen doch gerne mal die Kamera ausschalten und
  • wieso die Post-Corona-Universität flexibler, dezentraler und rücksichtsvoller sein könnte und sollte.

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Ganz im Sinne der Corona-Abstandsregeln findet das Special-Issue von SpacEconomics über Studium und Lehre in Zeiten von Covid19 in einer Aufnahme aus dem Home-Office aller Beteiligten statt. Die damit einhergehenden Einbußen in der Audioqualität machen die vier TeilnehmerInnen jedoch über inhaltliche Tiefe wett. Anika Zorn, Susann Schäfer und Björn Braunschweig arbeiten allesamt am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie der Friedrich-Schiller-Universität Jena und sind in der Lehre tätig. Marcel J. Paul ist seit Ende 2019 gewählten StuRa-Mitglied und engagiert sich seit Beginn der Corona-Pandemie in der Corona-Beschwerdestelle des StuRa, welche als zentrale Anlaufstelle für StudentInnen der Friedrich-Schiller-Universität Jena bei Covid19-bedingten Problemen dient; neben notwendiger finanzieller Unterstützung können StudentInnen sich auch bei konkreten Schwierigkeiten mit DozentInnen dorthin wenden.

„Das Gute ist, wir haben keine sozialen Kontakte mehr, die uns vom Arbeiten abhalten.
Aber wir haben eben auch keine sozialen Kontakte mehr mit Personen, die uns lieb sind.“

– Marcel J. Paul

Während StudentInnen bereits vor der Krise eine permanente Verschmelzung von Arbeits-, Schlaf- und Erholungsort erlebten, bekommen dies nun auch die DozentInnen zu spüren. „Gerade mit Kindern ist es natürlich schwer permanent im Home-Office zu arbeiten, Vorlesungen aufzunehmen, Lehre zu betreiben und gleichzeitig noch die eigene Forschung voranzubringen“, erzählt Dr. Susann Schäfer. „Da beneide ich manchmal die Kollegen und Kolleginnen, die keine Kinder haben“. Die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft in Zeiten von Corona jedoch nicht nur die DozentInnen. „Wir haben auch eine Reihe von StudentInnen, die bereits Kinder haben. Da habe ich einen riesigen Respekt vor, dass die das – gerade in diesen Zeiten – alles unter einen Hut bekommen“, ergänzt Marcel J. Paul. Er selbst sieht zusätzlich vor allem Schwierigkeiten in der finanziellen Ausstattung des Bildungssektors. „Das ist der einzige Sektor, in dem wir mit guter finanzieller Ausstattung über Jahrzehnte nachhaltiges Wachstum voranbringen können.“, führt er weiter aus.

„Als Dozentin habe ich bei den aufgenommenen Vorlesungen nicht in der Hand, wann diese angeschaut werden.
Das kann morgens oder abends sein oder alle am Stück direkt vor der Klausur.
Auch wenn letzteres dann natürlich schon an Folter grenzt.“ – Susann Schäfer

Ein großes Problem seitens der DozentInnen ist das fehlende Feedback und die fehlende Interaktion in Vorlesungen oder Seminaren. „Die Voreinstellungen bei Zoom sind ja, dass die Kameras der StudentInnen ausgeschaltet sind. Das ist datenschutzrechtlich auch enorm wichtig und gut. Aber wenn ich dann anderthalb Stunden auf schwarze Rechtecke schaue, fehlen einfach die ‚normalen‘ Rückmeldungen. Ich sehe nicht, ob die StudentInnen fragend gucken und ich gegebenenfalls etwas nochmal erklären sollte“, erläutert Anika Zorn. „Das ist auch bei Vorlesungen interessant zu merken. Ich nutze die gleichen Folien, die ich sonst für anderthalb Stunden habe. Aber durch die fehlende Interaktion werden in der Aufzeichnung meist nur 45 Minuten daraus“, ergänzt Susann Schäfer. Das zeigt an, dass sich die Kommunikation sowohl in der Vorlesung als auch den Seminaren nur bedingt digitalisieren lässt. Erschwert wird dies dadurch, dass auch kleine Absprachen, wie sie nach einem Seminar mit DozentInnen oder auch unter StudentInnen, z.B. für eine Gruppenarbeit, normal sind, wegfallen und institutionalisiert werden müssen, damit sie überhaupt stattfinden.

„Aber wenn ich dann anderthalb Stunden auf schwarze Rechtecke schaue,
fehlen einfach die ‚normalen‘ Rückmeldungen. Ich sehe nicht, ob die StudentInnen fragend gucken
und ich gegebenenfalls etwas nochmal erklären sollte“
– Anika Zorn

„Wenn dann noch Probleme bei Moodle oder Friedolin [den zentralen Studienorganisationsplattformen der FSU Jena] dazukommen, ist das Chaos perfekt. StudentInnen sehen nicht, mit wem sie in einer Gruppe sind und haben – selbst, wenn sie es sehen – kaum Chancen miteinander in Kontakt zu kommen“, erläutert Björn Braunschweig. In Gruppenarbeiten scheint sich zudem der Effekt zu verstärken, dass sich einzelne Personen besonders hervortun. „Ich hatte auch schon eine Absprache zu einer Gruppenarbeit, bei der von drei Personen eine vorgeschickt wurde, während sich die anderen entschuldigen ließen.“, ergänzt Susann Schäfer. Dadurch wird eine korrekte Einschätzung des Wissensstandes genauso erschwert wie die Vorbereitung der jeweiligen Seminarsitzung. Nichtsdestoweniger geben die neuen Lehrformate sowohl StudentInnen als auch DozentInnen neue Freiheiten.

„Die Post-Corona-Universität könnte also flexibler und dezentraler,
muss dafür aber auch rücksichtsvoller sein“
– Björn Braunschweig

Wenn jedoch das in diesem Semester Erprobte mit der von StudentInnen-Seite geforderten Transparenz, beidseitigem Respekt und Verständnis sowie ausreichend Möglichkeiten zu informeller Kommunikation gepaart wird, ergeben sich für die universitäre Lehre erhebliche Chancen. Björn Braunschweig fasst die Diskussion so zusammen: „So wie das Wuppertal-Institut in seinem Diskussionspapier zur Post-Corona-Stadt von einer näheren, öffentlicheren und agileren Stadt spricht, können wir uns vielleicht darauf einigen, dass die Post-Corona-Universität flexibler und dezentraler sein kann, dafür aber auch rücksichts- und verständnisvoller sein muss“. Wie viel von den gewonnenen Freiheiten auch nach der Pandemie bestehen bleibt, hängt somit in großem Umfang vom Umgang aller an der universitären Lehre beteiligten Personen ab; von den StudentInnen über die Lehrenden bis hin zur Universitätsleitung.

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