WOM – Weltoffen Miteinander Arbeiten


In dieser Project-Insights Folge von SpacEconomics spricht Björn Braunschweig mit Matthias Hannemann und Cora Nähring über das Projekt WOM und darüber

  • was die sogenannte Kontakthypothese besagt,
  • was für schlechte Erfahrungen nur 2,4 % der Unternehmen gemacht haben,
  • warum echte Interaktion nicht nur bedeutet gemeinsam im Kino gegessen zu haben,
  • wie wichtig gutes wissenschaftliches Arbeiten und Transparenz in der Forschung sind,
  • warum auch eine offene Debatte über internationale Fachkräfte schon ein Erfolg ist und
  • welche Rolle die Wissenschaft in diesem Diskurs einnehmen sollte.

Fragen, Kommentare, Anregungen und Themenwünsche gern in die Kommentarbox schreiben.

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The Long Read

Diese Project-Insights Folge von SpacEconomics beschäftigt sich mit dem Projekt WOM – Weltoffen Miteinander Arbeiten in Thüringen, welches vom Land Thüringen aus den Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert wird. In diesem Projekt arbeitet der Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie der Uni Jena mit dem Lehrstuhl für Finanzwissenschaft und dem Bereich für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation zusammen.  Das Projekt findet sich in dem Spannungsfeld von Fachkräftemangel und in verschiedenen Studien dargelegter Fremdenfeindlichkeit in der Region wieder. Während für den Umgang mit dem Fachkräftemangel internationaler Zuzug notwendig ist, besteht die Befürchtung, dass sich die Region über die besagte Fremdenfeindlichkeit abschirmt. Um dem zu begegnen, findet zuerst eine umfassende Datenerhebung statt. In 400 standardisierten Telefoninterviews wurden GeschäftsführerInnen und Personalverantwortliche befragt und im Anschluss mit rund zehn Prozent der Befragten qualitative Interviews geführt. Auf den Ergebnissen sollen im Folgenden dann neben Handlungsempfehlungen für die Politik auch öffentlichkeitswirksame Medien-Kampagnen erarbeitet werden.

„Wir denken uns hier nicht nur wissenschaftlich irgendetwas ideologisch wünschenswertes aus,
sondern wir arbeiten mit klaren Aussagen von den ExpertInnen der Region.“
– Matthias Hannemann

Bei der Befragung wurde auffällig, dass 144 der befragten Unternehmen bereits Erfahrung mit internationalen Arbeitskräften gemacht hatten. Von diesen gaben wiederum nur 2,4 Prozent an, dass sie überwiegend schlechte Erfahrung mit zugewanderten MitarbeiterInnen hatten. „Das heißt, der absolute… überwältigende Großteil hat mit den zugewanderten Arbeitskräften sehr positive oder positive Erfahrung gemacht. So eine prägnante Zahl eignet sich natürlich optimal, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen und zu zeigen: ‚Wir denken uns hier nicht nur wissenschaftlich irgendetwas ideologisch wünschenswertes aus.‘“, erläutert Matthias Hannemann. In diesem brisanten und auch teilweise polarisierend debattierten Thema trifft das Team zum Teil auch auf divergierende politische Ansichten: „Wir kommen alle mit Vorerfahrungen und bestimmten Werten in diese Gespräche. Das können wir nicht vermeiden. Aber genau deswegen halten wir uns extrem streng an die Vorgaben guten wissenschaftlichen Arbeitens.“, ergänzt Matthias Hannemann.

„Alle GesprächspartnerInnen geben eigentlich schon vor Gesprächsbeginn klar zu verstehen,
dass sie da auch ein emotionales Interesse haben an dem Thema“

– Matthias Hannemann

In der qualitativen Erhebung ist auch deutlich geworden, dass es eigentlich keine Person gibt, die dazu keine Meinung hat. So erklärt Matthias Hannemann weiter: „Alle GesprächspartnerInnen geben eigentlich schon vor Gesprächsbeginn klar zu verstehen, dass sie ein emotionales Interesse an dem Thema haben.“ Cora Nähring hat die Studie seit Beginn als studentische Hilfskraft begleitet und neben den methodischen Herausforderungen, die der mixed-method-Ansatz mit sich bringt, steht vor allem das fachliche Interesse im Vordergrund: „Ich habe in meinem Studium den Fokus auf Humangeographie. Und hier haben wir ein Projekt, in dem soziale und wirtschaftliche Belange sich räumlich bedingen. Das ist – vor allem auch als wissenschaftliche Hilfskraft – extrem spannend.“

„Soziale Erwünschtheit wird vor allem auch daran deutlich, dass wir ja auch eine Kategorie ‚Weiß ich nicht‘ haben.
Es gäbe also durchaus die Möglichkeit, eine indifferente Antwort zu geben.
Aber die Leute wissen ja, sie wollen ihre Position nur nicht offen aussprechen.“
– Cora Nähring

Gerade in einem Themenfeld, bei dem scheinbar alle mitreden können, aber auch von Vorneherein feststeht, welche Position gesellschaftlich mehr und welche weniger akzeptiert ist, ergeben sich erhebliche Herausforderungen bei Befragungen: „Soziale Erwünschtheit ist immer ein schwieriges Thema. Und das merken wir zum Beispiel dann, wenn die Antwortkategorie ‚keine Angabe‘ gewählt wird. Hier ist es Personen gegebenenfalls bewusst, dass ihre Meinung nicht dem sozial Erwünschten entspricht. Und somit wird lieber keine Aussage getroffen, als der Person am anderen Ende der Telefonleitung zu missfallen.“, erklärt Matthias Hannemann. „Und das wird vor allem auch daran deutlich, dass wir ja auch eine Kategorie ‚Weiß ich nicht‘ haben. Es gäbe also durchaus die Möglichkeit eine indifferente Antwort zu geben“, ergänzt Cora Nähring.

„Und dann klingelte hier einen Tag lang das Telefon und alle Leute haben mir abgesagt.
Was aber eigentlich nicht weiter schlimm war, weil ich am selben Tag sonst auch abgesagt hätte“

– Matthias Hannemann

Neben den „ganz normalen“ Herausforderungen in diesem Spannungsfeld, hat sich auch die Corona-Pandemie erheblich ausgewirkt. „In der zweiten Woche der Erhebung gingen die Einschränkungen von Covid109 richtig los. Und dann klingelte hier einen Tag lang das Telefon und alle Leute haben mir abgesagt. Was aber eigentlich nicht weiter schlimm war, weil ich am selben Tag sonst auch abgesagt hätte.“, erläutert Matthias Hannemann lachend. „Aber ja, das war natürlich der denkbar schlechteste Zeitpunkt, nachdem schon alle Termine standen.“, ergänzt er. Dabei wurde auch im Projektkontext vermutet, dass Covid19 die Grundlage des Projekts – den Fachkräftemangel in Thüringen – durch die entlassungsbedingten Entspannungen auf dem Arbeitsmarkt erheblich verringert würde. Da es sich bei den Grundbedingungen für den Fachkräftemangel jedoch vor allem um langfristige, z.B. demographische, Entwicklungen handelt, ist davon nicht auszugehen. Dies bestätigte auch die Corona-Befragung des Lehrstuhls nochmal nachdrücklich.

„Die Debatte ist momentan in Thüringen – und auch in Ostthüringen – sehr stark plarisiert. Es wäre schön,‘
wenn wir mit dem Projekt den Grundstein dafür legen, dass ein breiteres Verständnis für das Thema
Zuwanderung in der gesamten Bevölkerung und in den Unternehmen da ist, um auf der Grundlage aufzubauen.
Denn letztendlich geht es auch seitens der Wissenschaft darum, Augenhöhe herzustellen – zwischen allen Beteiligten.“

– Matthias Hannemann

Doch trotz Verzögerungen, schauen die beiden WissenschaftlerInnen positiv in die Zukunft. Auf die Frage, was sich denn nach Ende des Projekts im Jahr 2022 im bestmöglichen Fall geändert haben sollte, hat Cora Nähring eine klare Antwort: „Da sollte einfach mehr Kontakt bestehen. Kontakt zwischen internationalen und inländischen Arbeitskräften. Und damit dann auch die Chance, Vorurteile abzubauen.“ Die Kontakthypothese, die eine Grundlage des Projekts bildet, vertritt auch Matthias Hannemann: „Es geht darum, nicht einfach nur gemeinsam im Kino zu sitzen, sondern echten Kontakt zu haben. Viele Leute, mit denen ich gesprochen habe, reflektieren das auch und sagen: ‚Hier gibt es wenige internationale Personen und die ältere Generation hatte bis in ihr späteres Erwachsenenleben keine Reisefreiheit. Das da dann kein Kontakt zustande kommt, also echte Interaktion, ist verständlich.‘ Aber den brauchen wir, um Vorurteile abzubauen.“  Für Matthias Hannemann wäre schon das Schaffen einer Basis für eine offenere Debatte zu dem Thema ein voller Erfolg: „Die Debatte ist momentan in Thüringen und auch Ostthüringen sehr stark polarisiert. Es wäre schön, wenn wir den Grundstein dafür legen, dass ein breiteres Verständnis für das Thema Zuwanderung in der gesamten Bevölkerung und in den Unternehmen da ist, um auf der Grundlage aufzubauen. Denn letztendlich geht es auch seitens der Wissenschaft darum, Augenhöhe herzustellen – zwischen allen Beteiligten.“

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