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JTalks | Sind kulturell diverse Regionen innovativer?


In dieser Audioversion der Jena Talks in Economic Geography diskutieren Björn Braunschweig und Junior-Prof. Dr. Paula Prenzel von der Universität Greifswald über den Einfluss kultureller Diversität auf die Innovation von Gründungen in europäischen Regionen. Dabei geht es unter anderem darum…

  • welche verschiedenen Perspektiven auf Diversität es gibt,
  • weshalb nicht alle Gründungen gleich innovativ sind,
  • wie schwer es manchmal ist, aus dem Datenmaterial die Informationen herauszukitzeln, die man sucht,
  • weshalb Diversität eine wichtige Ressource für die Regionalentwicklung ist und
  • welche Rolle Migration in diesem Kontext spielt.

Fragen, Kommentare, Anregungen und Themenwünsche gern über Twitter oder Instagram unter @wigeo_jena.

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The Longer Read

In ihrer aktuellen Forschung setzt sich Jun. Prof. Dr. Paula Prenzel intensiv mit den Einflüssen kultureller Diversität auf die Regionalentwicklung auseinander. Ausgehend von bereits bekannten Effekten von Diversität auf das Wirtschaftswachstum, die Produktivität und das Gründungsverhalten einer Region stützt sich das Projekt dabei auf die These, dass große kulturelle Diversität in einer Region die Innovationskraft erhöht.

„Wir gehen davon aus, dass diversere Regionen Zugriff auf eine breitere Vielfalt an Wissen und Ideen haben. All dieses Wissen kann neu kombiniert werden und dadurch wieder neues Wissen erzeugen – darin besteht sowohl ein gesellschaftlicher als auch ein wirtschaftlicher Nutzen.“ 
Paula Prenzel

Kulturelle Diversität beschreibt dabei die Zusammensetzung der Bevölkerung, die anhand unterschiedlicher Dimensionen gemessen werden kann und bedeutet immer Heterogenität an Erfahrungen, Ideen, Wissen und Fähigkeiten. Um die Wirkung kultureller Diversität auf wirtschaftliche und innovative Prozesse mit Zahlen abzubilden, eignen sich besonders Ansätze aus der Migrationsforschung. Wichtige Indikatoren für kulturelle Diversität sind u.a. der Anteil an Menschen, die nicht in dem Land geboren sind, in dem sie leben, sowie der Anteil an Menschen in einem Land mit anderer Nationalität. Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass weder die Geburt in einem anderen Land noch eine andere Nationalität automatisch bedeuten, dass die jeweilige Person mit einer Kultur besonders verbunden oder durch sie geprägt ist.

Eine kulturell diverse Region muss auch nicht zwangsweise von Migration geprägt sein, denn es kann sich dabei auch um eine Region handeln, in der Migration schon in der Eltern- oder Großelterngeneration erfolgt ist. In diesem Fall spielen weitere Dimensionen von Diversität eine Rolle, die nicht direkt mit dem Migrationsprozess zu tun haben, wie etwa die Sprache oder ethnische Dimensionen. Migration ist dabei nicht nur deshalb ein praktischer Indikator für kulturelle Diversität, weil sie verhältnismäßig gut zu messen ist. Wichtig ist auch, dass die Migrationsströme in die EU und damit auch nach Deutschland in den letzten zehn Jahren stark angestiegen sind. Die Auswirkungen dieser verstärken Migration nicht nur zu verstehen, sondern Migration auch als Potenzial zu sehen, ist ein großes Anliegen von Paula Prenzel. Denn gerade mit Blick auf den demographischen Wandel in Deutschland wird die Relevanz ihrer Forschung deutlich: Bereits seit 1972 werden in Deutschland jedes Jahr weniger Kinder geboren, als Menschen sterben. Bevölkerungswachstum entsteht allein durch Migration.

Regionen schrumpfen oft nicht deshalb, weil viele Menschen abwandern. Das Problem liegt darin, dass zu wenig Menschen zuwandern. Diese Tatsache wird so oft noch nicht wahrgenommen
Paula Prenzel

Innovation wird häufig mit Gründung gleichgesetzt. Eine Region ist demnach dann besonders innovativ, wenn besonders viel gegründet wird. Paula Prenzel unterscheidet in ihrer Forschung verschiedene Typen von Unternehmertum: Einerseits kann dieses Entrepreneurship replikativ – also quasi „kopierend“ bzw. „wiederholend“ – sein. Innovationsorientiertes Entrepreneurship hingegen schafft tatsächlich neues Wissen. Paula Prenzel spricht replikativen Gründungen dennoch eine wichtige Rolle im Kontext von Innovation zu. Denn auch wenn eine Erfindung, also neues Wissen, die Innovation an sich darstellen, können Innovationen nur dann erfolgreich sein und sich durchsetzen, wenn sie auch verbreitet werden. Diese Diffusion entsteht u.a. durch replikatives Unternehmertum.

Paula Prenzel verwendet zusammen mit ihren KollegInnen Niels Bosma, Veronique Schutjens und Erik Stam für ihre Forschung Daten aus 25 EU-Ländern, insbesondere aus dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM) und dem EU-Zensus aus dem Jahr 2011. Anhand verschiedener individueller und regionaler Kontrollvariablen wie Bildung, BIP und Arbeitslosigkeit wurden die Regionen bezüglich ihrer Innovationskraft und ihres Grades an kultureller Diversität untersucht. Es wurde dann versucht, Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren zu erkennen. Kulturelle Diversität musste dabei aufgrund der Datenlage aus dem Anteil der in einem Land geborenen, der in einem anderen EU-Land geborenen und der in einem Nicht-EU-Land geborenen Personen abgeleitet werden.

Die Studie ist noch nicht abgeschlossen. Jedoch konnte bereits gezeigt werden, dass UnternehmerInnen in kulturell diverseren Regionen, also Regionen mit höherem Migrationsanteil, häufiger innovationsorientiert sind. Der positive Effekt entsteht dabei v.a. durch im EU-Ausland geborene Personen. Dies ist vermutlich auf eine größere institutionelle und kognitive Nähe zurückzuführen, die die Nutzung der Diversität erleichtert. Paula Prenzel betont an dieser Stelle, der Effekt von nicht in der EU geborenen MigrantInnen auf die Innovationskraft von Regionen sei zwar insignifikant, aber entsprechend auch in keiner Weise negativ.

„Für Regionen lohnt es sich, Diversität als Ressource zu sehen. Die Herausforderung besteht dann darin, diese Ressource auch zu nutzen.“
Björn Braunschweig

Shownotes von Clara Aevermann

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Lehrstuhl-Media

  • Niebuhr, A., & Peters, J. C. (2020). Population Diversity and Regional Economic Growth. In M. M. Fischer & P. Nijkamp (Eds.), Handbook of Regional Science (pp. 1–17). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-36203-3_128-1
  • Audretsch, D. B., Belitski, M., & Korosteleva, J. (2021). Cultural diversity and knowledge in explaining entrepreneurship in European cities. Small Business Economics, 56(2), 593–611. https://doi.org/10.1007/s11187-019-00191-4
  • Audretsch, D., Dohse, D., & Niebuhr, A. (2010). Cultural diversity and entrepreneurship: A regional analysis for Germany. Annals of Regional Science, 45(1), 55–85. https://doi.org/10.1007/s00168-009-0291-x
  • Haus-Reve, S., Cooke, A., Fitjar, R. D., & Kemeny, T. (2021). Does Assimilation Shape the Economic Value of Immigrant Diversity? Economic Geography, 00(00), 1–23. https://doi.org/10.1080/00130095.2021.1897462