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Ungleichheit heißt nicht immer gleich ungleich

In dieser TheorieSnippet-Folge von SpacEconomics taucht Clara Aevermann in den zweiten Teil der Reihe über wirtschaftliche Entwicklung ein. Es geht darum, wie sich Ungleichheit überhaupt messen lässt und darum,…

  • weshalb das Thema Ungleichheit eng mit wirtschaftlicher Entwicklung zusammenhängt,
  • was sich hinter Gini, AROP und QSR eigentlich verbirgt,
  • wieso Ungleichheit nicht immer gleich Ungleichheit bedeutet,
  • was das Thema „Erben“ mit Vermögen zu tun hat und
  • warum Indexwerte nie ohne Kontext interpretiert werden sollten.

Hier geht’s zum ersten Teil der Reihe!

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Die wichtigsten Inhalte im Überblick

Grundsätzlich kann zwischen zwei Arten von Indices und Indikatoren unterschieden werden:  standardisierte und nicht standardisierte. Bei standardisierten Werten wird die Indikatorvariable mit einer festen Größe ins Verhältnis gesetzt, bei nicht standardisierten unterscheiden sich diese Größen je nach untersuchter Einheit, also meistens je nach Land.

Der Gini-Koeffizient als erster Vertreter standardisierter Indices ist ein statistisches Maß zur Darstellung der Variation von Ungleichheitsverteilungen von Einkommen zwischen Individuen und Haushalten. Es geht also um Einkommensungleichheit. Dabei wird die tatsächliche Einkommensverteilung eines Landes mit der statistischen Gleichverteilung verglichen. Die statistische Gleichverteilung beschreibt einen Zustand, in dem allen Einwohner:innen dasselbe Einkommen zur Verfügung steht. Gesucht wird die Abweichung der tatsächlichen Verteilung von der angenommenen Gleichverteilung. Das Ergebnis ist eine Zahl zwischen Null und Eins. Null würde bedeuten, dass alle Einkommen gleichverteilt sind. Das heißt, hier würde die statistische Gleichverteilung mit der realen Gleichverteilung übereinstimmen. Ein Gini-Koeffizient von 1 würde wiederum bedeuten, dass eine Person das gesamte Einkommen eines Landes erhält. Je größer der Gini-Koeffizient ist, desto größer ist also auch die Einkommensungleichheit. Der Gini-Koeffizient wird meist auf nationaler Ebene berechnet. Wie genau die Verteilung aussieht und wie hoch die absoluten Einkommen sind, geht aus dem Wert jedoch nicht hervor.

Neben der Einkommensverteilung kann mit dem Gini-Koeffizienten auch die Vermögensverteilung untersucht werden. Vermögen lässt sich dabei in zwei Arten von Vermögen unterscheiden, in Sach- und Geldvermögen. Die Einkommens- und Vermögensverteilungen können sich stark voneinander unterscheiden. Deutschland etwa hatte 2020 einen Gini-Koeffizienten von 0,344, der sich auf das Netto-Einkommen bezieht. Dieser Wert liegt ziemlich nah am Weltdurchschnitt von 0,355 und gleichauf mit Ländern wie Spanien 2018,  Neuseeland 2016 oder auch Australien 2014.

Betrachtet man Vermögenswerte, liegt der Gini-Koeffizient im selben Jahr bei 0,816. Mit dieser Verteilung steht Deutschland laut DIW auf einer Stufe mit Saudi Arabien und belegt von 171 betrachteten Nationen den 164. Platz, wobei der weltweite Gini-Koeffizient bei 0,885 liegt.

Ein weiterer standardisierter Index, der sich mit einer anderen Ungleichheitsdimension befasst, ist der Global-Gender-Gap Report. Die Idee hinter diesem Index ist es, geschlechterbezogene Ungleichheit näher zu untersuchen und dabei auch Veränderungen einzubeziehen. So kann auch prognostiziert werden, wie lange es dauern würde, den s.g. Gender-Gap zu schließen, wenn die aktuellen Entwicklungstendenzen bestehen bleiben. Aktuell bräuchte es dafür 135,6 Jahre für eine globale Gleichheit der Geschlechter. Der Zeitraum ist damit 20 Jahre länger als noch vor zwei Jahren, obwohl es scheinbar viele positive Tendenzen im Bereich Geschlechtergleichheit gibt.

Berechnet wird der Index anhand von 4 Unterindizes: Wirtschaftliche Teilnahme und Teilhabe, Zugang zu Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung sowie politische Teilhabe. Diese Indizes werden jeweils anhand vielfältiger Indikatoren berechnet, die im Jahresbericht nachgelesen werden können. Der Bericht enthält Profile einzelner Länder, aber auch Zusammenfassungen für bestimmte Ländergruppen und einen Überblick über die globalen Tendenzen und Werte. Außerdem wird ein Ranking erstellt, in diesem befindet sich Deutschland aktuell auf Platz 11 von 156.

Gini-KoeffizientGlobal Gender Gap Report
Was wird untersucht?Ungleichheit bei Einkommens- und VermögensverteilungGeschlechterungleichheit
Auf welcher Ebene?Meist auf nationaler Ebene, aber auch global und regional(er) möglichAuf nationaler Ebene, für bestimmte Ländergruppen und als globale Zusammenfassung
Wie wird der Index berechnet?Vergleich der tatsächlichen Einkommensverteilung eines Landes mit der statistischen Gleichverteilung. Je größer der Koeffizient (zwischen 0 und 1) ist, desto ungleicher sind Einkommen und Vermögen in der Bevölkerung verteilt.Berechnung anhand der Unterindizes und Vergleich der Werte von Männern und Frauen:
– Wirtschaftliche Teilnahme/Teilhabe
– Zugang zu Bildung
– Gesundheit und Lebenserwartung
– politische Teilhabe.
Was ist zu beachten?Keine Aussagen über die Höhe der absoluten Einkommens- und Vermögenswerte oder die genaue Verteilung.Vielschichtiger Report, der mehrere Dimensionen der Geschlechterungleichheit betrachtet.
Tab. 1: Standardisierte Indizes zur Betrachtung von Ungleichheit

Ein nicht standardisierter Index ist die At-risk-of-poverty-rate (AROP). Auch hier ist das Haushaltseinkommen die Indikatorvariable. Das Ziel ist es herauszufinden, wie hoch der prozentuale Anteil derer Haushalte in einem Land ist, die armutsgefährdet sind. Dabei geht es nicht darum, Wohlstand oder Armut zu messen, sondern darum zu erfassen, welche Haushalte verhältnismäßig wenig verdienen. Dafür werden die Einkommen mit dem nationalen Median ins Verhältnis gesetzt. Für europäische Länder wird angenommen, dass ein Haushaltseinkommen von 60 % oder weniger des nationalen Medians bedeutet, dass ein Haushalt armutsgefährdet ist. In Deutschland waren beispielsweise  2019 14,1% der Singlehaushalte und fast 30 % der Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern armutsgefährdet.

Der letzte nicht standardisierte Index dieser Folge ist die Income quintile share ratio (QSR). Dieser Index versucht, Ungleichheit in der Einkommensverteilung zu messen. Dafür wird berechnet, wie viel Einkommen die einkommensstärksten 20 % der Bevölkerung generieren, also das obere Quintil. Das Gleiche wird für die einkommensschwächsten 20 % der Bevölkerung gemacht, also das untere Quintil. Aus diesen Werten wird schließlich der Quotient errechnet.

At-risk-of-poverty-rate (AROP)Income quintile share ratio (QSR)
Was wird untersucht?Anteil der armutsgefährdeten Haushalte an einer BevölkerungGeschlechterungleichheit
Auf welcher Ebene?Meist auf nationaler Ebene, aber auch global und regional(er) möglichAuf nationaler Ebene, für bestimmte Ländergruppen und als globale Zusammenfassung
Wie wird der Index berechnet?Haushaltseinkommen werden mit dem nationalen Median ins Verhältnis gesetzt. Für europäische Länder gilt, dass Haushalte mit einem Einkommen von 60 % oder weniger des nationalen Medians als armutsgefährdet gelten.Berechnung anhand der Unterindizes und Vergleich der Werte von Männern und Frauen:
– Wirtschaftliche Teilnahme/Teilhabe
– Zugang zu Bildung
– Gesundheit und Lebenserwartung
– politische Teilhabe.
Was ist zu beachten?Es wird der Median und nicht der Mittelwert genutzt. Je nach Land/Region können unterschiedliche Maßstäbe (XY % des Medianeinkommens) gelten.Keine Aussagen über die Höhe der absoluten Einkommenswerte.
Tab. 2: Nicht standardisierte Indizes zur Betrachtung von Ungleichheit

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Ausblick

In der kommenden TheorieSnippet-Folge wird es um Entwicklungsziele gehen. Dabei werden die Ziele für nachhaltige Entwicklung oder auch Sustainable Development Goals (SDG), die die UN 2016 formuliert haben, näher betrachtet.

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Lehrstuhl-Media

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Literatur

Zum Gini-Koeffizienten:

Zum Global Gender Gap Report:

Zur At-risk-of-poverty-rate:

Zur Income quintile share ratio:

Ein Gedanke zu „Ungleichheit heißt nicht immer gleich ungleich“

  1. Pingback: Nachhaltige Entwicklung – Die 17 SDGs als realistischer Leitfaden oder bloße Utopie? – Die Blogs der Universität Jena

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