Alles entgrenzt oder doch räumlich? – Musikplattformen und Innovation


In dieser Folge von SpacEconomics sprechen Björn Braunschweig und Dr. Benjamin Klement über die Musikindustrie und darüber:

  • Inwiefern Musik eine Trägerin von symbolischem Wissen ist,
  • wieso Innovationen in der Musik viel über die Gesellschaft und die Menschen aussagen können,
  • was Chamberpsych, Vaporwave und Cyberpunk mit Geographie zu tun haben,
  • wie Plattformen wie Spotify die Musikindustrie und auch das Konsumverhalten der HörerInnen beeinflussen,
  • welche Perspektiven sich für die Geographie durch neue digitale Methoden eröffnen und
  • warum sich die Wut der jüngeren Generationen eben nicht unbedingt in Metal und Hard-Rock ausdrückt.

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The Long Read

Benjamin Klement arbeitet beim Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie IMW in Leipzig im Bereich Innovationspolitik und Transferdesign. Bereits in seiner Promotion wagte er sich an eine spannende Transfer-Arbeit: Er promovierte über User-generated Content am Beispiel von Last.FM, einem online Musik-Dienst. In seinem Ansatz ging es darum, eine Brücke zwischen der Industriegeographie und der Musikindustrie zu schlagen und eine quantitative Analyse zum Thema Wissenstransfer in der Musikindustrie durchzuführen. Innovationsforschung ist ein zentrales Thema der Wirtschaftsgeographie – der Schwerpunkt liegt dabei aber oft im Bereich FuE und Hightech-Industrie. Die Innovationsfähigkeit von Musik aufzuzeigen und messbar zu machen, war also eher ein Nischenansatz.

Es ging mir darum zu zeigen, dass Innovation in allen Bereichen der Ökonomie und der Gesellschaft stattfindet.
Da muss es gar nicht immer um Hightech gehen.
Dr. Benjamin Klement

Dabei ist Musik etwas, zu dem nahezu jedeR einen Bezug aufbauen kann. Musik drückt soziale Bewegungen aus und das oft viel direkter als beispielsweise Kunst. Musik kann dabei auch Trägerin visueller Welten sein, Identität geben und gesellschaftliche Strömungen repräsentieren. Die Auseinandersetzung mit Innovationen in der Musik und der Musikindustrie haben also eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Umgekehrt hat aber auch die gesellschaftliche Dynamik einen Einfluss auf das Innovationsgesehen. Welche Innovationen sich durchsetzen können, ist immer auch eine Frage gesellschaftlicher Akzeptanz.

Das Leben und Zusammenleben besteht nicht nur aus innovativen Patenten.
Neue Musik z.B. ist für mich auch eine neue Art, mich mit neuen Themen zu beschäftigen oder
meinen Themen eine neue Stimme zu verleihen.“
Björn Braunschweig

Innovationen des symbolischen Wissens in Bereichen wie der Musikindustrie haben durchaus Auswirkungen über ihren scheinbar privaten Wirkungsbereich hinaus. So wachsen beispielsweise einige Städte sehr stark, obwohl ihr Innovationsgeschehen im Bereich der Hightech-Industrie eher gering ausgeprägt ist. Dafür sind sie sehr innovativ in anderen Bereichen der Ökonomie. Musikalische Innovationen etwa umfassen dabei nicht nur neue Musikrichtungen etc., sondern auch Innovationen in der Produktion und insbesondere der Vermarktung der musikalischen Produkte. So gibt es wenig, dass gleichzeitig immateriell ist und sich dennoch gut vermarkten lässt wie Musik. Entsprechend ist die Musikindustrie nach wie vor Vorreiterin in der Digitalisierung. Plattformen wie Spotify haben sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt und beeinflussen Trends sowie den Erfolg und Misserfolg von KünstlerInnen. Wer genau die entsprechenden Algorithmen nach welchen Maßgaben erstellt, ist undurchsichtig. Wissen kann dabei personengebunden auch von Plattform zu Plattform wandern und die Musikindustrie formen. Dennoch ist die digitale Musikindustrie in vielen Bereichen eine Art Black-Box.

KünstlerInnen kommen nicht im Vakuum hoch.
Es gibt immer ein Netzwerk oder UnterstützerInnen im Hintergrund,
ohne die die KünstlerInnen niemals eine große Reichweite erzielen könnten“.
Dr. Benjamin Klement

Der scheinbar so einfache Zugang zu Plattformen als KünstlerIn lässt die Musikbranche als eine räumlich entgrenzte Branche erscheinen. Dennoch finden sich auch hier Zentren und Ballungsräume. Unter den Spotify-ChartstürmerInnen etwa zeigt sich die andauernde Dominanz Kaliforniens: Es finden sich weit überdurchschnittlich viele KünstlerInnen aus LA in den Top-Platzierungen. Geographie spielt in der Musikindustrie also auch weiterhin eine große Rolle und gerade relationale Ansätze der Wirtschaftsgeographie eigenen sich, um diese geographischen Bezugspunkte zu erforschen. Beispielsweise zieht es KünstlerInnen weiterhin in Zentren der Musikbranche. Denn auch im digitalen Zeitalter sind sie gezwungen, sich an bestimmte Netzwerke anzuschließen, um eine Chance auf Erfolg zu haben. Eine weitere Herausforderung sind die Gatekeeper, die sich früher in Form von Club- und Radio-DJs oder MusikjournalistInnen darstellten. Während früher klar war, wen die KünstlerInnen überzeugen müssen, sind diese Personen heute anonym und erstellen die Playlists und Algorithmen der Streaming-Plattformen. Die dem zugrunde liegenden Netzwerke sind zwar mächtig, von der Forschung aber bisher kaum beachtet.

Vielleicht ist diese von Plattformen wie Spotify erzeugte Welt aber gar nicht so lange von Bestand.
Ich bin gespannt, wie sich die Musikbranche in den nächsten Jahren verändert.
Vielleicht lohnt es sich dann wieder, die eigene Musikidentität über CD-Sammlungen aufgebaut zu haben.“
Dr. Benjamin Klement

Auch Covid-19 hat einen bisher noch nicht vollends absehbaren Einfluss auf die Musikindustrie genommen. Etwa fällt durch ausbleibende Konzerte eine der Haupteinnahmequellen vieler KünstlerInnen, der Verkauf von Merchandise-Produkten, aus. Möglicherweise wird es dadurch künftig wieder mehr KünstlerInnen geben, die ihre Musik rein um der Musik Willen machen, denen ein gewisser local-fame ausreicht, hofft Björn Braunschweig.

In der weichgespülten Welt der aktuellen Musikcharts fehlt mir manchmal die Wut:
Die Musik klingt oft, als würde man zugedröhnt auf dem Sofa liegen, obwohl gerade die junge Generation
doch vor so großen Problemen wie dem Klimawandel steht.
Dr. Benjamin Klement

Benjamin Klement hat durch seine Arbeit gezeigt, dass es für die Geographie durch die neuen digitalen Methoden viele neue Arbeitsbereiche zu erschließen gibt. In Deutschland werden diese neuen, digitalen Möglichkeiten bisher im Vergleich zu anderen Ländern eher wenig genutzt. So schlummern große Datenpotenziale in verschiedensten Bereichen wie der Immobilienbranche oder der Stadtplanung, die durch digitale geographische Methoden erhoben werden könnten. Gleichzeitig gibt es auch viele Daten, die zwar erhoben wurden, aber noch nicht aufbereitet sind. Auch hier bietet der Methodenschatz eine Vielzahl an Möglichkeiten der Analyse und Visualisierung.

Heute kann jeder Mensch ein Sensor sein und es gibt nur wenige Firmen,
die die so generierten Daten nutzen können. Die Geographie könnte dazu beitragen,
mehr dieser potenziellen Daten für gesellschaftlich relevante Forschung zu nutzen.
Dr. Benjamin Klement

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